Die Gier nach Tempo

Du kennst vielleicht den Film Top Gun. In diesem gibt es eine Szene, in der Goose und Maverick „Ich spür die Gier, die Gier, nach Tempo in mir!“ ausrufen. Dieser Spruch wabert mir in letzter Zeit oft durch den Kopf. Denn er spiegelt meiner Meinung nach die derzeitige Entwicklung im Triathlon wieder (und wahrscheinlich nicht nur dort), immer schneller, weiter oder besser zu schwimmen, zu fahren oder zu laufen.

Ich finde das nicht gut. Das nimmt nicht nur mir den Spaß an der Sache. Muss ich mich rechtfertigen dafür, dass ich den Halbmarathon im Training „nur“ mit einer 6:05er Pace gelaufen bin? Warum sollte ich? Hey, ich bin stolz, so lange laufen zu können, ohne dass mir die Knie, Hüfte oder Sprunggelenke schmerzen!

Wie viele wissen, betreue ich dieses Jahr wieder die Rookies des Churfranken Triathlons – einundzwanzig begeisterte Sportler, die auf den Startschuß Mitte Juli hin fiebern. Einige sind an eine Ausdauerbelastung gewöhnt, andere waren noch nie länger als sechzig Minuten am Stück sportlich unterwegs. Aber schon hier spüre ich diesen, ich nenne es mal, Tempo- oder Zeitendruck, also den Glauben, man müsse eine gewisse Strecke in einer bestimmten, vorgegebenen Zeit absolvieren, sonst … ja, sonst? … ist man kein echter Triathlet? Was für ein Quatsch!

Dieses ganze Gequassel über Zeiten, Pace, Durchschnitts-km/h mag für jene, die sich für Kona qualifizieren oder das Podium der Altersklasse erreichen wollen (müssen?), wichtig sein. Aber für alle anderen – und dies sind sicher 98% der Athleten – , sollte die Zufriedenheit damit, überhaupt eine solche (Ausdauer-)Leistung erbringen zu können, im Vordergrund stehen. Diese Zufriedenheit aber auch genießen zu können, wird für die Mehrzahl der Athleten immer schwieriger. Gerade in den sozialen Medien dreht sich momentan vieles (alles?) nur um die Sieger. Wer hier zweiter wird, ist schon nur noch Randnotiz.

Und noch schlimmer, etwas, was ich vor einigen Tagen gelesen habe: Es reicht nicht mehr, nur zu gewinnen, man muss es jetzt sogar schon überlegen tun. Oder das Feld dominieren, sprich: Dem anderen, dem langsameren, wurde es so richtig gezeigt (langsamer bedeutet hier, eine Minute länger für die Gesamtdistanz gebraucht zu haben).

Diese Erwartungshaltung, die vom Profilager bis in den breitesten Breitensport hinunterreicht, hat aber erhebliche negative Folgen: Für den Körper, weil man diesem durch Steigerung der Intensität und Länge des Trainings mehr zumutet, als ihm gut tut. Auch die daraus resultierenden, eigentlich notwendigen, längeren Regenerationszeiten werden noch kürzer, schließlich ist das ja vergeudete Zeit, die man für das Training nutzen könnte.

Für den Geist, weil er ständig diesen Druck verspürt, eine bessere Leistung erbringen zu müssen. Aber was heißt hier eigentlich besser? Als Indikator einer besseren Leistung werden doch ausschließlich die harte Fakten heran gezogen: Minuten pro Kilometer, Durchschnittstempo auf dem Rad, 1:05 Minuten für die 50-Meter-Bahn. Völlig außer acht gelassen wird das Empfinden. Wie hast Du Dich denn nach dem 10-km-Lauf in 5:10 gefühlt? Kotzgrenze? Warum bist Du denn nicht eine 5:30 oder gar „nur“ 6er Pace gelaufen, am Sonntag Morgen, um dann im Anschluss mit Deiner Familie oder Freunden genüsslich zu frühstücken?

Und da sind wir beim dritten erheblichen Nachteil: Die schwindenden sozialen (offline-)Kontakte, gerade zu Nicht-Triathleten. Merkst Du auch, dass die Zeit, die Du mit diesen verbringt, weniger wird? Nebenbei gesagt: Dies ist für mich der Hauptgrund, weshalb nach dem IM Anfang Juli für mich Schluss ist mit der Langdistanz. Keine einsamen 6-Stunden-Radausfahrten mehr, während zuhause die Familie zusammen sitzt.

Dann komme ich nun zu meinem Plädoyer, welches lautet: Lass die Uhr zuhause! Befreie Dich von dem Druck, in jedem Moment Deine Leistung messen zu müssen.

Gerade beim Schwimmen halte ich die Uhr für völlig überflüssig. Es spielt keine Rolle, ob Du fünf- oder sechshundert Meter geschwommen bist. Wichtig ist nur, dass Du es getan hast! Und wie weit Du geschwommen bist, weißt Du ja eh, die Längen der Strecken kennst Du. Und falls nicht ist es auch egal, Hauptsache ist, du hast Dich gut gefühlt dabei. Nebenbei bemerkt: Die von den diversen Uhren beim Kraulen im Freiwasser gemessenen Strecken weichen dermaßen ab von den tatsächlichen, dass sie für eine realistische Beurteilung nicht taugen.

Deshalb gilt: Wenn Dir abends im (Niedernberger) See eine Stunde vor Sonnenuntergang die Sonne in die Schwimmbrille scheint und Dir die Orientierung erschwert, dann mach mal mitten im See eine Pause, lass die Beine hängen, reduziere Deinen Puls, achte auf Deine Atmung, genieße den Moment.

Du bist gerade mit dem Rennrad durch das Ohrnbachtal und Vielbrunn gefahren und stehst nun auf der Höhe an der Kreuzung? Bleib stehen, nimm einen Schluck aus der Flasche, genieße den Moment und sei stolz auf Dich! Und vergiss die Durchschnittsgeschwindigkeit.

Die Sonne scheint, Deine Beine haben Dich schon anderthalb Stunden getragen. Dann bleib einfach mal stehen, schau Dich um und betrachte die Umgebung. Dieser Moment wird Dir in Erinnerung bleiben und er hat mehr inneren Wert als eine 5:30er Pace.

Klar, natürlich kenne ich das Gegenargument: „Ich will meine Leistung mit anderen vergleichen können!“. Aber das funktioniert doch nicht im Training, sondern nur in einem Wettkampf. Nur dort sind Strecken und Gegebenheiten für alle Teilnehmer gleich. (sofortiger Einwurf meinerseits, um dem Aufschrei entgegen zu wirken: Ich weiß natürlich auch, dass dies seit Strava auch für Trainingsstrecken gilt – leider, welch fatale Entwicklung in meinen Augen!). Und im Wettkampf werden sowieso eine Menge Zeiten gemessen, wozu dann noch eine Uhr? Beim Ausziehen des Neos ist diese nur im Weg 😉

Also, bleib gesund, genieße den Moment. Und wenn Dich jemand „na, wie geht’s?“ fragt und Du augenblicklich „Gut!“ antwortest, dann mach Dir klar, was dies für ein Privileg ist!

PS. Der Tod der Triathletin Julia Viellehner nach einem Verkehrsunfall im Radtraining hat mich sehr betroffen gemacht. Er war einer der Gründe, diesen Artikel heute zu schreiben.

In den letzten Wochen häufen sich die schrecklichen Nachrichten von getöteten oder verletzten Sportlern, seien es Radrennfahrer oder Triathleten. Ich möchte nicht erleben, dass jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis unter die Räder kommt. Fahrt zurückhaltend und bleibt gelassen, auch wenn es schwer fällt!

Blick über den Odenwald von Neunkirchen aus

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